Wir verbringen 90% unserer Zeit in gebauten Umwelten – in Wohnungen, Büros, Schulen, Krankenhäusern, Fitnessstudios, Shoppingcentern oder Parks. Währenddessen nehmen unsere Sinne ständig Informationen auf und verarbeiten sie – bewusst wie der Geruch von Gras oder Baustellenlärm, unbewusst wie ein Gefühl von „hier will ich bleiben“ oder „bloß weg“. Diese Eindrücke beeinflussen unser Wohlbefinden und Verhalten.
Die Wohn- und Architekturpsychologie untersucht, wie gebaute Umwelt unsere Wahrnehmung, Emotionen und unser Verhalten prägt. Sie stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verschiedener Disziplinen und berücksichtigt individuelle Bedürfnisse wie Nähe, Sicherheit, Entspannung oder persönliche Entwicklung.
Nicht immer sind uns unsere Bedürfnisse bewusst, doch ihr Einfluss bleibt. Erfüllt unsere Umgebung sie nicht oder wirkt ihnen entgegen, kann das Unruhe, Unzufriedenheit oder sogar Stress auslösen. Wer jedoch die Wirkung der gebauten Umwelt versteht und seine eigenen Bedürfnisse kennt, kann Räume gestalten, die das Wohlbefinden nachhaltig fördern.
Die Aussicht aus dem Fenster an unserem Arbeitsplatz spielt eine entscheidende Rolle für die Zufriedenheit mit unserem Job: Wer nur auf Gebäude und gebaute Umwelt schaut, ist nicht so zufrieden, wie diejenigen, die zumindest einzelne Naturelemente sehen können.
In Untersuchungen konnten aber auch Zimmerpflanzen allein in einem fensterlosen Büroraum die Konzentration bei den Studienteilnehmern steigern. Wir können uns erholen, weil wir der Anstrengung durch mühelose Aufmerksamkeit auf die Naturelemente kurzzeitig entfliehen – und uns im Anschluss wieder besser konzentrieren können.
Quellen:
Kaplan, R.: The Role of Nature in the Context of the Workspace. In: Landscape and Urban Planning, Band 26, Nr. 1-4, S. 193-201 (1993).
Wenn um uns herum laute Umgebungsgeräusche vorherrschen, erhöhen wir automatisch unsere Stimme – wir werden lauter und oft auch schriller. Man spricht vom Lombard-Effekt, benannt nach seinem Entdecker Etienne Lombard um 1909. In einem Café, einem Großraumbüro oder bei der beliebten Küchenparty verstärkt sich so die Lautstärke: Es ist laut, wir sprechen lauter, es wird noch lauter … und die Musik drehen wir auch gleich lauter. Unbewusst versuchen wir, die Umgebungsgeräusche zu übertönen.
Besonders in Räumen, in denen viele Menschen und Nebengeräusche sind, sollte bei der Gestaltung der Lombard-Effekt berücksichtigt werden. Wollen wir entspannte Gespräche führen oder unsere Gäste subtil von einer kurzen Verweildauer überzeugen?
Quellen:
Foto von Nicolas J Leclerq auf Unsplash
Studenten, die auf einem Flur mit vielen verschiedenen anderen Personen lebten, waren weniger hilfsbereit und an sozialen Kontakten interessiert als jene, die in kleineren Wohneinheiten zusammen wohnten. Der Einbau von Zwischentüren reduzierte diese Effekte – als Flure und damit die potenziellen Interaktionskontakte verkleinert wurden. Ähnliche Ergebnisse zeigen Studien mit Menschen aus beengten Wohnverhältnissen.
Das Gefühl, eines Zuviel an sozialen Kontakten kann zu sozialer Überlastung führen. Wir ziehen uns physisch und psychisch zurück. Wird uns dieser Rückzug verwehrt, entstehen bei uns Stress und Unruhe.
Quellen:
Foto von Scarbor Siu auf Unsplash
Sowohl Feng Shui als auch die Wohn- und Architekturpsychologie verfolgen das Ziel, den Menschen im Raum zu einem erhöhten Wohlbefinden und einer Steigerung seiner Lebensqualität zu verhelfen. Während Feng Shui sich dabei auf seit jahrhundertealte, weitergegebene Traditionen und Lehren rund um Elemente, Energiefluss und Harmonien beruft, ist die Wohn- und Architekturpsychologie deutlich jünger. Sie hat ihren Ursprung Ende der 1960er Jahre und basiert auf Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die hohen, fachlichen Standards standhalten müssen. Dabei lassen sich in vielen verschiedenen Disziplinen fundierte Erkenntnisse finden, die den Menschen im Raum in den Mittelpunkt stellen.
Zwar beschäftigt sich die Wohn- und Architekturpsychologie auch intensiv mit der Innenraumgestaltung, legt dabei aber den Fokus nicht auf Design, sondern den Menschen. Als Wohn- und Architekturpsychologin würde ich daher keine Empfehlungen für ein ganz bestimmtes Design-Objekt oder ein fertiges Einrichtungskonzept vorlegen, sondern gemeinsam mit meinen Kunden schauen, was gefällt, weitergenutzt und umgestaltet werden kann, aber auch, worauf verzichtet und was erneuert werden soll.
Konkret bedeutet das, dass die Wohn- und Architekturpsychologie mit jedem Geldbeutel und jedem individuellen Einrichtungsstil vereinbar ist: Wichtig ist einzig und allein, dass die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund gestellt und dies durch eine rücksichtsvolle Raumgestaltung erkennbar wird. Am Ende sollen die Räume nicht in Hochglanzmagazinen abgedruckt werden, sondern den Menschen gut tun.
Viele Konflikte im Zusammenleben von Menschen können ihren Ursprung in einer ungünstigen Raumgestaltung oder -aufteilung haben. Und da Menschen unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Distanz, Sicherheit und Schutz, Austausch und Alleinsein haben, ist auch nachvollziehbar, dass unterschiedliche Persönlichkeiten immer wieder aneinander geraten, wenn diese Bedürfnisse sich in der Raumgestaltung nicht befriedigen lassen. Tieferliegende Konflikte innerhalb von Paar- und Familienbeziehungen, deren Ursache nicht im Räumlichen zu verorten sind, wird die Wohn- und Architekturpsychologie jedoch nicht lösen können.
Die Wohn- und Architekturpsychologie kann aber Anregungen geben und für Verständnis werben, sie kann Wissen vermitteln und so die Kommunikation untereinander um neue Gedanken bereichern. Dabei legt sie ihren Fokus auf jene Stellschrauben, die die räumlichen Gegebenheiten bieten.
Haben Sie konkrete Fragen zur Wohn- und Architekturpsychologie? Oder auch nur eine vage Vermutung, die Sie gerne besprechen möchten? Wollen Sie erfahren, welche Wirkung Ihre Räume auf Sie haben oder Ihre persönlichen Wohnbedürfnisse erkunden?